In vielen Unternehmen höre ich derzeit ähnliche Diskussionen: Mitarbeitende sollen mehr Verantwortung übernehmen, eigenständiger handeln und stärker mitdenken.
Wenn ich solche Aussagen höre, werde ich immer ein wenig hellhörig. Denn sie erinnern mich an eine eigene berufliche Station.
In einem meiner früheren Unternehmen wurde ein großes Change-Projekt gestartet – mit dem Ziel, die sogenannte „Accountability“ im Unternehmen zu stärken. Mitarbeitende sollten mehr Verantwortung übernehmen. Gemeinsam mit einer Unternehmensberatung wurde dieses Konzept von oben bis unten durch alle Ebenen getragen. Ein enormer Aufwand – und ich fand es grundsätzlich gut, dass das Thema so konsequent angegangen wurde.
Einige Monate nach der Einführung ergab sich eine Situation, in der ich im Sinne meiner Mitarbeitenden und innerhalb meines Handlungsrahmens Verantwortung übernommen habe. Mein Team war erleichtert und dankbar für die Entscheidung.
Als die Geschäftsleitung davon erfuhr, wurde ich jedoch gebeten, meine Entscheidung ausführlich zu rechtfertigen – in Form eines dreiseitigen Dokuments.
Ich hatte Verantwortung übernommen.
Nur leider war sie in diesem Moment offenbar nicht erwünscht.
Nach einigen weiteren ähnlichen Situationen wurde mir klar: Das passt nicht mehr zu meinen eigenen Werten. Kurz darauf habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.
Dabei bin ich überzeugt:
Menschen wollen Verantwortung übernehmen. Selbstwirksamkeit gehört zu den drei zentralen psychologischen Grundbedürfnissen des Menschen.
Doch häufig sind es genau die Rahmenbedingungen oder Erfahrungen im Unternehmen, die dazu führen, dass Menschen irgendwann die Lust daran verlieren.
Was können Sie also konkret tun, um Verantwortung in Ihrem Team wirklich zu fördern? Hier drei Impulse:
1. Motivation entsteht durch den richtigen Rahmen
Menschen brauchen selten zusätzliche Motivation. Viel wichtiger ist ein Umfeld, das sie nicht demotiviert. Geben Sie Ihren Mitarbeitenden großzügige Handlungsräume. Engen Sie nicht das gesamte Team ein, nur weil vielleicht fünf Prozent den Spielraum einmal ausnutzen. Vertrauen ist die Grundlage für Verantwortungsübernahme.
2. Verantwortung zulassen – auch wenn Entscheidungen anders ausfallen
Wer Verantwortung überträgt, muss auch akzeptieren, dass Entscheidungen manchmal anders getroffen werden, als man selbst sie getroffen hätte. Genau darin liegt echte Verantwortungsübernahme. Führung bedeutet hier, Orientierung zu geben – nicht jede Entscheidung zu kontrollieren.
3. Lösungen einfordern statt Probleme übernehmen
Wenn Mitarbeitende mit einem Problem zu Ihnen kommen, bitten Sie sie um mindestens zwei mögliche Lösungsansätze. Viele Führungskräfte übernehmen Probleme aus guter Absicht sofort selbst. Doch genau dadurch verhindern sie Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung.
So entsteht Schritt für Schritt ein Umfeld, in dem Verantwortung nicht nur gefordert, sondern tatsächlich gelebt wird.
